Meine Heimat ist die Uckermark, eine sehr ländlich geprägte Region mit viel Wald, Wasser und Wiesen. Städte und Dörfer sind meist mehrere Kilometer weit entfernt, Land- und Forstwirtschaft sind die dominierenden Wirtschaftszweige. Es lässt sich ruhig und gut leben hier, doch hat die Uckermark mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Neben dem demografischen Wandel, schrumpfenden Bevölkerungszahlen und einer vergleichsweise schwachen Wirtschaft ist auch der Sport deutlich unterrepräsentiert. 14,94 % der Bevölkerung in der Uckermark, also 17.530 Personen, treiben Sport in 171 Uckermärkischen Sportvereinen. Weitere ländlich geprägte Regionen, wie die Prignitz, Oberhavel oder Barnim haben ähnliche Werte. Das klingt zunächst erstmal viel, doch die Stadt Cottbus hat im Vergleich 22,52 % der Bevölkerung, die in 133 Cottbuser Sportvereinen organisiert sind (LSB Brandenburg, 2023).
Es besteht somit ein enormes Entwicklungs- und Optimierungspotenzial für die Sportentwicklung in ländlichen Regionen. Doch woran liegt es, dass auf dem Land weniger Menschen in Sportvereinen sportlich aktiv sind?
Natürlich sind die Gründe vielfältig, die einer Mitgliedschaft im Wege stehen, wie z. B. die langen Wege zwischen den Standorten. Als Jugendlicher ist man auf die Eltern angewiesen, sofern man nicht in der Stadt wohnt. Der Bus kommt in den Dörfern nur jede Stunde vorbei, an den Wochenenden vielleicht nur zweimal. Hinzu kommen die Angebote in den Sportvereinen. Meistens dominiert der Fußball, doch nicht jeder möchte Fußball spielen. Doch auch schlecht ausgebildete Übungsleiter und Übungsleiterinnen, Schäden in den Sportstätten oder sozial benachteiligte Familien sind Gründe dafür, den Weg nicht in den Sport zu suchen.
Genau deshalb müssen wir nach Lösungen suchen. Sport kann ein enormer Treiber für die Integration und den Zusammenhalt in der Bevölkerung sein. Sport gibt den Menschen viel zurück, lässt Freundschaften entstehen und verbindet. Wir kennen die Vorteile von Sport, Bewegung und Gesundheit. Doch wie können mehr Menschen den Weg in die Sportvereine finden? Wie kann sich der Sport in ländlichen Regionen weiterentwickeln? Ich möchte auf fünf Ideen eingehen, die ich im Folgenden darstellen werde.
Sportvereine in die Regionalentwicklung miteinbeziehen
Als ich das erste Mal bei einer öffentlichen Infoveranstaltung zur Kurstadtentwicklung der Stadt Templin war und die Beratungsagentur mögliche Handlungsempfehlungen zur Stadtentwicklung gab, musste ich kurz schlucken. Sportvereine oder Sportverbände wurden in der Vergangenheit kaum bis nie einbezogen, wenn es darum ging: „Wie wollen wir unsere Stadt oder unsere Region attraktiver gestalten?“. So etwas darf es heutzutage nicht mehr geben! Städte, Gemeinden und Landkreise sind gerade hinsichtlich der oben genannten Herausforderungen aufgefordert neue Wege zu gehen. Politik, Wirtschaft und Verwaltung können diese Herausforderungen nicht allein bewältigen.
Es braucht die Einbindung des bürgerschaftlichen Engagement und genau da kommen die Sportvereine ins Spiel. Die Radsportler spulen jedes Jahr mehrere 1.000 Kilometer ab und kennen die Probleme des regionalen Radwegeverkehrsnetzes. Die Wasserwanderer, Kanuten und Ruderer kennen die Stolpersteine der Seen und Wasserlandschaften. Die Handballer oder Tischtennisspieler wissen, welche Optimierungen in den Sporthallen gemacht werden müssten. So könnte man jede Sportgruppe befragen und man würde viele Potenziale aufgezeigt bekommen. Man muss halt nur miteinander reden.
Vernetzung von Sportvereinen und Sportverbänden
Gerade in ländlichen Regionen überwiegt (leider) immer noch der Konkurrenzgedanke zwischen den Vereinen. Sofern Spieler XY von Sportverein A zu Sportverein B wechselt, ist das Geschrei riesengroß und die Beziehung zwischen den Vereinen auf dem Tiefpunkt. Aus diesem Neandertaler-Denken müssen wir im Jahre 2024 langsam mal rauskommen. Wenn wir den Sport in unserer Stadt, unserer Gemeinde oder Region weiterentwickeln wollen, benötigen wir mehr Kooperation und Vernetzung!
Dies kann z. B. über eine Arbeitsgruppe „Sportentwicklung“ oder „Gesundes Netzwerk“ entstehen, die von der Stadt oder Gemeinde moderiert wird, die Sportvereine einlädt zum Konstruieren einer sportgerechten Stadt bzw. Gemeinde und sich mindestens einmal pro Quartal trifft. Oder aber zwei, drei Sportvereine tun sich zusammen, treffen dabei klare Regelungen sowie Zielvereinbarungen und eröffnen gemeinsam Sportgruppen unter der Leitung eines gemeinsamen Übungsleiters oder stellen gemeinsam einen Geschäftsführer an. Kräfte bündeln, Ressourcen sparen und Synergien schaffen sind die Gebote der Sportstunde.
Sportfachliche Kompetenz miteinbeziehen
Fachkräftemangel, kein Know-How, fehlende Ehrenamtliche, keine Zeit, … Die Liste der Probleme von Sportvereinen lässt sich immer weiterführen, wenn man in Selbstmitleid ertrinken möchte. Doch damit ist jetzt Schluss! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Jedes Problem lässt sich lösen und wenn man verzweifelt ist oder nicht den Ausweg finden kann, dann könnt ihr euch auch professionelle Hilfe von außerhalb holen. Gerade im Sport müssen in vielen Bereichen Entscheidungen von Ehrenamtler getroffen werden, von denen sie noch nichts gehört habt.
Bestes Beispiel ist das Steuerrecht im Sport. Zwischen all den Gesetzen kann einem oft der Kopf zerbrechen. Oder ihr seid eine Gemeinde und wisst nicht, wo ihr die Sportstätten bedarfsgerecht und modern weiterentwickelen könnt. Es ist keine Schwäche, Rat und Expertise von außerhalb zu holen. Im Gegenteil. Das ist oft der erste Schritt in die richtige Richtung und zeigt, dass ihr das Problem erkannt habt. Und genau für diese speziellen Dinge gibt es doch sportfachliche Kompetenz, die euch zielführend und zeitsparend zum gewünschten Ergebnis verhilft. Natürlich spielt der Faktor „Geld“ eine Rolle, doch auch dafür gibt es heutzutage viele Lösungen.
Bürgerschaftliches Engagement nutzen
Was ist das beste Konzept ohne die Zustimmung der Bürger? Nichts. Warum sind viele Menschen mit der Politik oder Verwaltung unzufrieden? Weil sie nicht gefragt werden, sich nicht gehört fühlen oder nicht miteinbezogen werden. Man kann die wesentlichen Themen nicht von oben herab entscheiden, sondern muss immer die Bürger in die Stadt- und Regionalentwicklung integrieren. Dazu zählen natürlich auch die Sportvereine. Hinzu kommt das vorbildhafte Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger ohne die das Leben einer Stadt nicht aufrechterhalten werden könnte. Sie nicht miteinzubeziehen, wäre nicht nur ein Armutszeugnis der Verantwortlichen, sondern auch extrem fatal für die Zukunft der Stadt oder Gemeinde.
Egal ob es in der Gemeinde, im Unternehmen oder in einer Sportmannschaft ist. Die Vision, die Ziele und die Strategien zur Entwicklung müssen von allen getragen werden! Die Umsetzung muss ja schließlich auch von allen Betroffenen erfolgen. Nutzt das Potenzial eurer Bürger, geht in den Dialog und gestaltet gemeinsam eure Zukunft!
Mut zu neuen Wegen
Wer kennt den folgenden Spruch nicht: „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Ein Klassiker vieler Vereinsmitglieder und Auslöser zum Kopfzerbrechen innovativer Personen. Ich kann jedes Mitglied eines Sportvereins oder einer Stadtverwaltung, der so argumentiert, verstehen. Natürlich ist es attraktiv, das Bewährte beizubehalten und einfach so weiterzumachen, als würde nichts passieren. Aber genau da liegt das Problem. Die Gesellschaft ändert sich, der Sport ändert sich.
Gerade wenn es um den Punkt „bedarfsgerechte Sportinfrastruktur“ geht, denken viele an das klassische Stadion mit Tartanbahn und Rasenplatz, dass seit über 50 Jahre dasteht und noch immer seinen Zweck erfüllt. Das mag vielleicht für eine kleine Gruppe von Menschen gelten, vielleicht dem örtlichen Fußballverein, der das Stadion als einziger Verein nutzt. Die Bedarfe der Bewohner sind aber nicht mehr wie vor 50 Jahren. Vielleicht würden auch mal andere Sportvereine das Stadion nutzen oder einzelne Bürger die Laufbahn zum Joggen nutzen.
Es braucht also neue Wege, um noch mehr Menschen für den Sport zu begeistern. Weg von der Couch und rein in die Sporthalle! Die Vereine und Gemeinden brauchen Mut und einen gemeinsamen Plan. Dann kann sich der Sport auch in den ländlichen Regionen weiterentwickeln.
Quellen:
Landessportbund Brandenburg. (2023) Kreis- und Stadtsportbünde. Aufgerufen am 11. Januar 2024 unter https://lsb-brandenburg.de/mitglieder/kreis-und-stadtsportbuende/

Ein Kommentar zu „Wie sich der Sport in ländlichen Regionen weiterentwickeln kann“
[…] in Teil 1 meines Blogs (Wie sich der Sport in ländlichen Regionen weiterentwickeln kann) hatte ich angesprochen, dass Kommunen sportfachliche Kompetenz benötigen. Das gilt natürlich […]